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Walliser Höhenrausch

Quelle: Widmers Wanderblog oder Schweizer Familie

 

Ein Bauer schätzt das Gewitterrisiko ein. Der Wanderer versteht kein Wort. Er marschiert los – und wird fürstlich belohnt.

Walliser-HöhenrauschDie Leute von Visperterminen nennen ihr Dorf «Tärbinu» und sind stolz auf ihren Rebberg, den höchstgelegenen Europas. Zum Fondue auf der Terrasse des Hotels Rothorn probierte ich ein Glas von ihrem Weisswein, dem Heida. Fein. Noch viel lieber hatte ich die offerierte Abricotine. Ich bekam sie in einem Minikonfiglas, Aprikosenschnitze schwammen im Schnaps.

Am nächsten Morgen nahm ich um acht den Sessellift nach Giw hinauf. Für den Nachmittag waren Gewitter angesagt, daher der frühe Aufbruch. Über dem Bietschhorn im Norden ballten sich schon Wolken. Wie stets, wenn ich es sehe, dachte ich: armes Horn. 66 Meter fehlen, dass du dich Viertausender nennen dürftest.

Die erste halbe Stunde von der Bergstation hinauf zum Gibidumpass: Strässchen, traurig zugerichtete Flanken, Masten. Ein Skihang. Dann war ich oben. Ein Bauer kam mir entgegen, ich grüsste ihn und fragte, ob das Gewitter schon bald komme. Er antwortete freundlich und ausführlich. Ich verstand kein Wort. Keines! Aber irgendwie klang es nach Nichtgewitter. Ich dankte und ging los.

Die nächsten zwei Stunden waren eine Wandersensation. Tief unter mir lag zur Linken das Nanztal. Im Sommer 1476 zogen vom Simplon her Hunderte Lombarden durch dieses Tal. Sie wollten nach Visp und weiter in Richtung Romandie, um Karl dem Kühnen gegen die Eidgenossen beizustehen. Die Schlacht von Murten fand dann ohne sie statt. Die Walliser massakrierten sie noch im Wallis.

Vor mir hatte ich einen Höhenweg, der über dem Nanztal ein riesiges U vollzieht. Er ist sozusagen der Serviceweg der Suone «Heido», wie der alte Wasserkanal heisst, dem ich nun folgte. Das Wasser vom Gamsagletscher war sein eigenes Schauspiel, mal sprudelte es, mal zog es glatt und rasant vorwärts den durstigen Wiesen zu. An manchen Stellen floss es unter Tag, an anderen oberirdisch, stellenweise waren Schieber angebracht. Die kilometerlange Suone ist schon 1305 in einem Schriftstück erwähnt. Klassisches Latein und Walliserdialekt mischen sich: «aquaeductu qui dicitur die heydenschu Wasserleyta de Nantz».

An zwei, drei Stellen führte der Weg über Felsnasen. Seile halfen, bös ausgesetzt war das nicht. Beim Oberen Fulmoos mochte ich die kleinen Seelein und das Sumpfgras. Mein Pfad vollzog nun eine 180-Grad-Wende, bald wanderte ich nordwärts. Schafe beglotzten mich, ein Schild bat, man möge Hunde an die Leine nehmen.

Dann der Bistinepass – und ich stellte zufrieden fest: Zwar wallten Wolken, aber kein Gewitter war zu erfühlen. Den Bistinepass markierte ein gemauertes Gehütt, eine Art Trullo des Nordens, wohl militärischer Art. Nun begann der Abstieg, bald hatte ich vor mir die Simplonstrasse. Zwei historische Gebäude reizten mein Auge. Zum einen ein karges, kahles, kirchenartiges, in der Proportion eigentlich zu hohes Gemäuer; wie eine Giraffe, die einen Buckel macht: der Alte Spittel, den der Passpionier Kaspar Stockalper 1650 als Unterkunft bauen liess. Ganz nah zog sich ein endloses Flachgebäude über den Talboden, das Barral-Haus, das der Pater Barral zu Anfang des 20. Jahrhunderts begründete, als Ferienhaus für Kinder armer Familien.

Kurz vor der Simplon-Passhöhe traf ich drei Italiener, die ihr Auto in der Nähe parkiert hatten. Mit Hast und Gier kämmten sie mit grossen Holzkämmen die Heidelbeerbüsche; ihre Eimer waren halb voll und die Büsche halb zerfetzt. Ein Bier vor dem Hotel Monte Leone gleich gegenüber der Bushaltestelle half mir, den Naturfrevel seelisch zu verarbeiten. Das Gewitter schlug dann erst zu, als ich im Zug Frutigen passierte.

ROUTE: Giw (Sesselbahn-Bergstation über Visperterminen) – Gibidumpass – Heido – Suonenweg – Oberes Fulmoos – Bistinepass – Blatte – Simplonpass, Hotel Monte Leone (Bushaltestelle unweit der Passhöhe).
DAUER: 5¼ Stunden. 750 Meter aufwärts, 720 abwärts.
WANDERKARTE: 274 T, Visp, 1:50 000.
EINKEHR: In Visperterminen und am Schluss. Unterwegs keine Restaurants.
HINKOMMEN: Von Visp mit dem Bus nach Visperterminen. Besonders schöne Fahrt.